Ilse M. Seifried

WO ODER WOHIN

Vier Geschichten zu vier Bildern von Sibylle Gieselmann

1. Klar getrennt ein Oben von Unten. Eine Bohne, ein Samen, aus dem Leben entsteht, schwebt zwischen oben und unten. Hat Wirklichkeit und Potenzial in sich, die nicht getrennt oder durchtrennt sind. Ein Herz ebenso. Es wird Schmerz und Glückseligkeit empfinden, es wird trauern und lachen, wird tanzen und ruhen. Es schlägt und klopft im Rhythmus des Seins. Rot in der Welt des Blau. Etwas Besonderes. Etwas Hervorleuchtendes. Ein Herz immer ein Herz. Unverbunden noch auch das Seelenei. Gehören nicht diese drei zusammen, wenn sie aufsteigen in die Welt des Grün? Wo und wohin. Im Blau. Ins Grün. So einfach. So klar. So bildhaft.
Ein kleiner Geist schwebt aufwärts zum rechten Bildrand. Dorthin, wo es scheint, als wäre eine Schwelle, die durchschwommen werden könnte. In eine andere Dimension. Wer weiß das schon, wenn es nicht ausprobiert wird? Experiment Leben. Wozu ein Oben und Unten? Wozu Grenzsetzungen? Welchen Sinn ergeben diese?

Schwer und leicht. Scheinbar Gegensätzliches fühlt sich anders an. Projektionen auf eine Leinwand, die ursprünglich weiß ist. Es sind Gefühle, die Betrachter:innen im Bild sehen. Es sind Gedanken, die vorüberschweben, ohne anzuhalten. Schon sind sie vorüber und neue schweben heran. Alles ist möglich. Ein Versprechen. Das es einzulösen gilt.

2. Eingetaucht in der blauen Welt ein helles Wesen. Will es hinaus? Schwebt es soeben herein? Es erinnert von seiner Gestalt her an einen menschlichen Zahn. In welcher Beziehung ist es zum kopfloses Wesen im eleganten Schwung? Dieselbe Tanzfigur vollbringt ein kleiner Hüftknochen, den ein Knorpelwesen einen Wimpernschlag entfernt nicht oder nicht mehr oder noch nicht berührt. Der Schwung bringt in luftige Höhe. Das Licht, das die Schatten hervorruft, bleibt selbst unsichtbar, unbekannt, unheimlich auch. Wo oder wohin.

Wo ist die Lichtquelle? Die Frage nach dem Wohin der Bewegung scheint nicht relevant, denn das System ist geschlossen. Freiraum gibt es nur innerhalb der Abgrenzung. Freiraum zum Spielen. Freiraum für Freude. Was braucht es mehr?
Wo oder wohin unterscheidet sich sprachlich von wo oder wohin, von Wo oder Wohin. Die Bildsprache macht diese Unterschiede nicht. Die Sprache des Bildes ist Blau mit vielen Nuancen. Ist schwarz. Ist hell wie Elfenbein. Vielleicht wird eins ins andere eingehen, übergehen, es ergänzen. Bewegung ist Leben. Veränderungen sind inhärent. Die Resonanz dieser Welt wirkt in die Welt der Betrachtenden. Löst innere Bewegungen aus. Mit Glück berühren sie einander. Impulse. Inspiration.

3. Kein vollständiger Mensch. Ein Mensch im Werden. Noch liegt das Wesen, getragen von der Macht der Potenziale, tief ein- und ausatmend da. Seine Seele schwebt über dem Kopf. In der Welt der Wirklichkeiten wird sie leicht und unsichtbar werden. Andere Seelen befinden sich im selben Raum. Suchen noch die Menschen. Warten vielleicht bereits lange. Im Vordergrund zwei noch nicht Beleuchtete. Herbei- oder davonschwebend. Ungewiss ist das Wo und ungewiss ist das Wohin.
Ein Ausschnitt. Ein Moment. Eingefroren. Festgehalten. Den Utopien sind keine Grenzen gesetzt. Dem Geist ebensowenig. Nur dem Körper. Er ist ein Werden und Vergehen. Ein Entstehen und Auflösen. Prozesshaft. Tauchen Wünsche bei den Betrachtenden auf? Wünsche für das Werdende. Wünsche für sich selbst. Oder sind es Ängste, die erstarren lassen, weil alles zu begrenzt wirkt? Die Einsamkeit auch. Sie macht bange. Einsam inmitten von Fremde und Unbekanntem. Auf und davon. Doch wohin? Wo oder wohin. Immer noch diese ortsbezogenen Worte. Immer noch und immer wieder ein Bild blauer, fernnaher Welten.
Mit geschlossenen Augen sehen. Innere Bilder sehen, die den äußeren so unähnlich sind. Äußere Wirklichkeitsbilder, so unähnlich den inneren. Zwei Welten. Vereint im Ausdruck die Malerin und das Gemalte. Das Betrachtete und die Betrachtenden. Vereint im Sehen und Gesehenwerden. Ein Bild. Eine Welt. Das Universum lacht durch das Blau. Fühlt sich nicht ausgeschlossen. Weiß um seine Bedeutung. Weiß. Um sein nicht sichtbares Weiß.

4. Übernatürliches Schweben. Kein Versinken im Wasser. Kein Untertauchen im Unbewussten. Doch die Schatten spiegeln sich um Grund. Am blauen Grund. Blau ist die Welt. Oben und unten. Überall und durch und durch. Einzig ein Etwas ist rot. Es könnte ein Ei sein. Das Ei des Bewusstseins. Es trennt und verbindet zugleich die beiden Steine. Oder sind es unförmige Gehirnhälften? Ein geschlossenes System. Umrahmt von einem helleren blauen Rahmen. Schwarze Linien trennen und verbinden zugleich diese beiden blauen Welten. Sie sind nicht geschlossen. Zumindest einen möglichen Übergang gibt es, eine Schwelle, eine Grenze, die Tor ist. Wo oder wohin. Wo befinden wir uns? Wohin wollen wir uns bewegen? Wo befinden sich diese drei Objekte? In einem Behälter, der in Seitenansicht zu betrachten ist? Ein Zeichenblatt, auf das der Blick gerichtet ist. Keine Eindeutigkeit. Wird diese gesucht? Soll sie verleiten oder täuschen? Bildet sie einfach die Welt und menschliches Leben ab? Ein Fragezeichen, das ich setze. Die Künstlerin setzt keine Zeichen, nur diese drei Worte: wo oder wohin.
Allerdings setzt sie Ziffern dahinter. Zu diesem Bild gehört die Vier.
Ist es eine Abstraktion von Eierstöcken und Gebärmutter, die noch in Entwicklung sind, da nicht verbunden? Wurden Gebärmutter und Eierstöcke getrennt?
Die Historie ist unbekannt, entzieht sich der Sprache. Vielleicht steigen die Objekte auf in eine dritte Dimension, die noch nicht vorhanden, also unsichtbar ist.
Wo oder wohin. Orte. Die Zeit spielt hier keine Rolle. Wenn sie eingeladen zur Türe hereinkommt, entsteht eine Dynamik, einem Wirbelwind gleich, die Tsunami und Windstille bewirken kann. Zeit zeigt Veränderungen. Hier ruht alles in Schwebe, in potenziellem Sein.
Die Schöpferin überlässt es den Betrachter:innen, mit der Zeit, die diese vor dem Bild stehen und es betrachten, es zu verändern, das Wo zu definieren, das Wohin zu imaginieren und werden so selbst zu Schöpfer:innen.
 

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